Dieser Artikel aus dem Ressort Stadtleben
der Berliner Morgenpost Online vom 15.11.2002
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Tüv für alle Schulen bis 2006

Bildungssenator Klaus Böger: «Wir brauchen solche Qualitätstests» - Teilnahme zunächst freiwillig

Berlins Schulen sollen auf den Prüfstand. In einer Umfrage hatten die Morgenpost-Leser gewichtet, welche Kriterien eine gute Schule für sie erfüllen muss. Unsere Redakteurin Christa Beckmann sprach über das Leser-Votum mit Bildungssenator Klaus Böger (SPD).

Herr Böger, für die Morgenpost-Leser sind ein gutes Schulklima und Unterricht, der begeistert, besonders wichtig. Was sagt der Bildungssenator dazu?

Klaus Böger: Als Bildungspolitiker finde ich die Wahl sehr stimmig und aus der Sicht der Eltern verständlich. Wo eine offene, freundschaftliche Atmosphäre herrscht, macht Lernen Freude. Und das ist die Voraussetzung, auch für eine Sache begeistert zu werden. Guter Unterricht motiviert nicht nur kurzfristig, sondern von der Sache her. Begeisterung für das Lernen heißt aber nicht, dass Unterricht nur Spaß machen soll. Schulen müssen auch vermitteln, dass man Ausdauer braucht und sich anstrengen muss, wenn man etwas erreichen will.

Also hätten Sie diese Kriterien auch auf Platz 1 gewählt?

Nicht ganz. Bei einer guten Schule steht für mich an erster Stelle, dass sie regelmäßig die Qualität ihres Unterrichts überprüft. Erst dann käme für mich die offene Lernatmosphäre, danach eine regelmäßige Elterninformation sowie Profil und besondere außerunterrichtliche Angebote.

Und wie sieht Ihre Prioritätenliste für guten Unterricht aus?

An erste Stelle hätte ich eine sorgfältige Vorbereitung des Unterrichts gestellt. Dann die Begeisterung für das Lernen und gleich danach den Erwerb von Wissen und Können, noch vor der Disziplin und dem Erwerb von Kritikfähigkeit.

Das Wissen kommt bei den Lesern erst an drittletzter Stelle.

Ja, das hat mich überrascht. Denn Schüler müssen auch einen Grundstock an Wissen haben, um Fähigkeiten - also Können - zu entwickeln. Ich muss die wichtigsten orthografischen und mathematischen Regeln kennen, um eine Aufgabe zu lösen oder selbstständig im Internet zu recherchieren. Das gilt auch für bedeutende Geschichtsdaten. Wer die französische Revolution zeitlich kurz vor Christus ansiedelt oder meint, Shakespeare sei eine neue Biersorte, der kommt nicht weiter.

Ein gutes Lernklima und begeisternder Unterricht kosten nicht unbedingt mehr Geld. Das Umfrage-Ergebnis müsste Sie deshalb gefreut haben. Oder?

Das war nicht der Grund. Die Leserbefragung der Morgenpost hat mich gefreut, weil sie die Eltern mit einbezieht und sich differenziert und konstruktiv mit dem Thema Qualitätssicherung auseinandersetzt. Aber richtig ist: Der Ruf nach mehr Geld bedeutet nicht automatisch, dass der Unterricht auch besser wird. Umgekehrt stimmt diese These allerdings auch nicht. Wir brauchen im Bildungsbereich Investitionen, um den Schulen gute Rahmenbedingungen zu sichern. Ich schäme mich, wenn ich sehe, wie in Berlin Prunkbauten entstehen, aber viele Einrichtungen für die wichtigsten Mitglieder unserer Gesellschaft - nämlich unsere Kinder - verfallen.

Die Freie Universität will einen Qualitätstest für die Berliner Schulen entwickeln. Wird sich das Land daran beteiligen?

Ich kann mir vorstellen, dass wir den Qualitätskatalog mit der Uni zusammen entwickeln. Denn wir brauchen solche Qualitätstests. Und zwar aus drei Gründen: Der Staat muss die Sicherheit haben, dass die Schulen auch die Leistung erbringen, die er von ihnen erwartet. Außerdem hilft der Test den Schulen, sich selbst richtig einzuschätzen und Mängel zu beseitigen. Und drittens haben Eltern und Schüler Anspruch auf objektive Information. In anderen Ländern ist das gang und gäbe.

Wann wird ein solcher Schul-Tüv in Berlin zur Pflicht?

Ich setze erst einmal auf eine freiwillige Teilnahme. Aber ich möchte, dass alle Schulen bis Ende 2006 gemessen und gewichtet sind.

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