Dieser Artikel aus dem Ressort Stadtleben
der Berliner Morgenpost Online vom 13.11.2002
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«Sparen an der Bildung hat fatale Folgen»

Bildungsexperten sind sich im Zollernhof einig: Schule gibt es nicht zum Nulltarif

Von Christa Beckmann

Sind Berlins Schulen noch zu retten? Ja, aber nur, wenn in die Schulen investiert, die Lehrerausbildung verbessert und die Bildung schon in den Kindergärten gefördert wird. Das ist das Fazit einer Podiumsdiskussion zum Thema Bildung, zu der Morgenpost und ZDF am Montag als Auftakt einer neuen Forumsreihe «Treffpunkt Berlin» geladen hatten.

Der SPD-Politiker Klaus Böger ist Kummer gewöhnt. Bei Podiumsdiskussionen zum Thema Schule braucht Berlins Bildungssenator gewöhnlich nicht auf Beifall zu hoffen. Ganz anders am Montagabend. Da erhielt der oberste Dienstherr der Berliner Lehrer sogar Applaus aus den Reihen seiner Untergebenen. «Ich habe es das erste Mal erlebt, dass sich Herr Böger so vor die Lehrerschaft stellt», sagte ein Pädagoge anerkennend im Anschluss an die Diskussion zum Thema Bildung, zu der Morgenpost und ZDF in das ZDF-Hauptstadtstudio Zollernhof Unter den Linden eingeladen hatten.

«Sind Berlins Schulen noch zu retten?» lautete die Frage, die ZDF-Landesstudioleiterin Susanne Gelhard und Jan-Eric Peters, Chefredaktion der Berliner Morgenpost, ihren Gästen stellten. Neben Klaus Böger waren als Experten geladen: Karin Babbe, Leiterin der Weddinger Erika-Mann-Grundschule, FU-Erziehungswissenschaftler Professor Dieter Lenzen, die Vorsitzende des Landesschulbeirats, Elisabeth Willkomm, und Christina Funke, Schülerin der Gustav-Heinemann-Gesamtschule.

Thema: Vorschule

Brisanten Diskussionsstoff gab es reichlich. Denn spätestens seit Pisa ist deutlich, dass Schulreformen mehr als überfällig sind. Deutsche Schüler lernen zu wenig - und vor allem zu spät. «Wir müssen schon die Kindergärten zu Bildungseinrichtungen machen», formulierte Böger denn auch ein Ziel, das er schrittweise realisieren will. Professor Lenzen plädierte sogar dafür, «mit der Schule schon zwei Jahre früher zu beginnen». Forschungen hätten gezeigt, dass Kinder gerade in den ersten fünf Lebensjahren besonders lernfähig seien, vor allem im sprachlichen Bereich.

Kritik musste der Bildungssenator von Zuhörern und Elternvertreterin Willkomm für seinen Plan einstecken, die Vorklassen an den Schulen abzuschaffen. Gerade für sozial schwächere Familien sei dieses kostenlose Angebot wichtig. An den Kitas fehlten dafür zudem die Räumlichkeiten und gut ausgebildete Erzieherinnen.

Thema: Ausbildung

Eine bessere Ausbildung benötigen die Lehrer. Darüber war das Podium einig. «Die Wahl des Lehrerberufes ist noch zu oft eine Verlegenheitswahl», monierte Lenzen. Notwendig seien nicht nur deutlich mehr Praxisbezug schon im Studium und Professionalität im Beruf. «Wir brauchen auch die richtigen Persönlichkeiten als Lehrer. Die Schüler müssen sich angenommen fühlen», forderte der Professor.

Die Persönlichkeiten der Lehrer bestimmten maßgeblich das Lernklima an einer Schule, und das sei wichtig, bestätigte Schulleiterin Karin Babbe das Ergebnis einer Leser-Umfrage der Morgenpost. «Lehrer müssen für ihren Beruf brennen, dann können sie auch den Funken bei ihren Schülern entfachen.» Mehr als 90 Prozent der Befragten halten eine gute Lernatmosphäre für mindestens sehr wichtig. «Leider unterrichten viele Lehrer noch nach Schema F», monierte Schülerin Christina Funke. Pädagogen sollten zudem zur Fortbildung in den Ferien verpflichtet werden.

Bildungssenator Böger warnte in diesem Zusammenhang allerdings vor Pauschalverurteilungen. Es gebe bereits viele Lehrer, die ihre Ferien für die Weiterbildung nutzten. Der Senator will den Schulen künftig einen eigenen Etat für Fortbildung gewähren.

Thema: Kontrolle

Mehr Qualitätskontrolle ja, aber «nicht von oben verordnet, sondern gemeinsam mit den Schulen», lautet seine Devise für eine bessere Schule. Der Staat müsse aber gleichzeitig für gute Rahmenbedingungen sorgen, wie intakte Gebäude und «kontinuierlich neue Lehrkräfte». «Ich kann die Sonntagsreden von Leuten nicht mehr hören, die Bildung als Zukunftsinvestition hochhalten und gleichzeitig von mir Sparbeiträge fordern», wetterte der Senator mit einem unüberhörbaren Seitenhieb auf Vorgaben aus den eigenen Parteireihen - und erntete stürmischen Beifall aus dem Publikum und Unterstützung von Uni-Seite.

«Wir brauchen andere finanzielle Prioritäten», forderte auch Lenzen, der dem Finanzsenator aber vorwarf, bei seinen Sparvorgaben für die Schulen mit nicht vergleichbaren Zahlen zu argumentieren. Das Land sollte lieber in anderen Ressorts wie Verkehr oder Soziales nach Sparmöglichkeiten suchen.

Thema: Sparvorgaben

Die Berliner Schulen seien nicht besser als andere Länder mit Personal ausgestattet, sie hätten aber zusätzliche Probleme zu bewältigen, wies Böger Vorwürfe des Rechnungshofes zurück. Berlin habe allein 900 Lehrerstellen für Deutsch als Zweitsprache und 1200 Stellen für Integration behinderter Kinder. «Wer sparen will, muss sich fragen, ob er das alles nicht mehr will.» Böger machte deutlich, dass er nichts von einer Arbeitszeitverlängerung für Lehrer hält. Dennoch müssten 500 Millionen Euro Personalkosten eingespart werden. Die einzige Lösung sei, weniger Gehalt zu zahlen oder auf Gehaltszuwächse zu verzichten. Böger räumte ein, dass der angedrohte Einstellungsstopp für Lehrer eher kontraproduktiv wirke, wenn es darum geht, dringend benötigte junge, motivierte Lehrer zu werben.

Im Kampf um eine bessere finanzielle Ausstattung für die Schulen konnte sich der Bildungssenator des Rückhalts aus dem Publikum sicher sein. «Herr Böger, ich wünsche Sie mir an der Spitze einer Bewegung für mehr Bildung», rief ein Tempelhofer Schulleiter unter dem Applaus der Zuhörer. Und fügte an: «Das Geld dafür muss auch von denen geholt werden, die für die Berliner Finanzmisere verantwortlich sind.»

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