| Berliner Zeitung Montag, 25. November 2002 | |
Dreißig Jugendliche hängen träge in ihren Stühlen. Einige haben den Kopf auf die Arme gelegt, andere die Augen geschlossen. Die Dämmernden lassen sich kaum von der monotonen Stimme, die auf sie einredet, unterbrechen. Nur wenn sich alle paar Minuten die Tür öffnet, um Nachzügler hereinzulassen, schrecken manche aus dem Halbschlaf. Gähhn. Es ist acht Uhr morgens in einer ganz normalen Berliner Schule.
Der Schulunterricht in Deutschland beginnt zu früh, diese Meinung vertreten sogar die Experten. Denn der frühe Schulbeginn entspricht nicht dem menschlichen Biorhythmus, sondern dem Arbeitnehmerwunsch, durch einen frühen Arbeitsanfang schnell wieder zu Hause zu sein. So hängen auch Erwachsene die erste Arbeitsstunde meist durch, nur fällt es am Arbeitsplatz nicht so auf. Leidtragende sind die Schüler, denen der Lebensrhythmus der Älteren aufgezwungen wird.
Das erste Leistungshoch kommt erst gegen elf Uhr vormittags. Bis dahin arbeitet sich sogar der notorische Frühaufsteher aus der Tiefschlafphase von vier Uhr morgens. Der Wecker unterbricht nämlich das letzte Schlafviertel, eine Phase, die für das gedächtnisbedingte Lernen besonders wichtig ist. Auch das frühere Zubettgehen ändert nichts an der inneren Uhr, die erholsame Schlafphase lässt sich nicht verschieben. In besonderem Maße gilt das für Jugendliche in der Pubertät. Bei ihnen verschiebt sich der natürliche Schlafrhythmus nach hinten - sie schlafen später ein, dafür aber länger. Verantwortlich dafür ist der Hormonhaushalt und nicht sie selbst. Kein Wunder, dass sich so bei einer Fünf-Tage-Woche mit täglichem Schulbeginn um acht Uhr ein schwer nachholbares Schlafdefizit aufbaut. Schon ein Schulbeginn um neun Uhr würde genügen, um die Leistungsfähigkeit der Schüler zu steigern. Internationale Studien haben ergeben, dass die spätere Stunde nicht nur die Leistungsfähigkeit erhöht, sondern auch zu weniger Verspätungen und geringeren Krankheitsausfällen führt. Positiver Nebeneffekt: Die Schüler können sich auf dem Schulweg besser konzentrieren, die Zahl der Unfälle nimmt deutlich ab. Bei der Diskussion sollten wir mal einen Blick auf unsere europäischen Nachbarn werfen: kaum noch ein Land, in dem der Unterricht vor neun Uhr beginnt. Zwar kommen französische oder italienische Schüler nicht früher nach Hause, erzielen aber weitaus bessere Leistungen und arbeiten so effektiver.