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Kostenloses letztes Kita-Jahr?

Wie Senator Böger Eltern belohnen will, die ihre Kinder ab dem vierten Lebensjahr in die Kita schicken

Fast jeder zweite Berliner Schulanfänger spricht nur unzureichend Deutsch. Unter den ausländischen Jungen und Mädchen sind es vier von fünf Kindern. Morgenpost-Redakteurin Christa Beckmann sprach darüber mit Bildungssenator Klaus Böger.

Berliner Morgenpost: Herr Böger, mit der geplanten Konzentration des Vorschulunterrichts auf die Kindertagesstätten werden sich die Sprachprobleme bei den Schulanfängern noch verschärfen, warnen Türkischer Bund und Bildungsexperten wie Özcan Mutlu von den Grünen. Denn viele türkische Familien schickten ihre Kinder zwar zum kostenlosen Vorschulunterricht in eine Schule, aber nicht in eine gebührenpflichtige Kita. Wie ernst nehmen Sie diese Warnung?

Klaus Böger: Ich halte die Befürchtungen für unbegründet. Von den ausländischen Kindern, die 2003 eingeschult wurden, war fast die Hälfte vorher in einer Kita. Etwa genauso viele gingen in eine Vorklasse an einer Schule, und nur etwa sechs Prozent hatten überhaupt keine vorschulische Einrichtung besucht. Das zeigt, dass schon heute fast die Hälfte aller ausländischen Eltern das Angebot der Kitas nutzt.

Wer gibt Ihnen die Gewähr, dass das künftig auch die restlichen 50 Prozent tun werden?

Es wird unsere Aufgabe sein, diese Eltern davon zu überzeugen, wie wichtig die Bildung in der Kita für die Zukunft ihrer Kinder ist. Deutsch zu können ist eine Grundvoraussetzung für Bildungserfolg. Und den wollen alle Eltern für ihr Kind. Ohne Bereitschaft zur Integration - das sage ich hier ganz deutlich - marschieren wir unweigerlich in die Parallelgesellschaft.

Wie wollen Sie die ausländischen Eltern erreichen?

Wir werden in diesem Jahr eine große Aufklärungs- und Werbekampagne starten. Ich habe zum Beispiel mit dem Arbeitskreis Neue Erziehung verabredet, dass in dem Elternbrief, den alle Berliner Eltern regelmäßig erhalten, künftig explizit darauf hingewiesen wird, wie notwendig der Besuch von Kindertagesstätten und Mütterkursen - auch zum Deutschlernen - ist. Wir werden dafür auch in den türkischen Medien und gemeinsam mit türkischen Elternvereinen werben. Wir wollen mit gezielter Aufklärung Vorbehalte abbauen. Manche muslimische Eltern haben beispielsweise die unbegründete Sorge, dass in Kitas keine Ernährung nach den Regeln des Islam möglich sei.

Etlichen sozial schwachen Familien mit vielen Kindern sind die Kita-Gebühren zu teuer, sie lassen ihren Nachwuchs lieber zu Hause. Was halten Sie von einem kostenlosen Kita-Jahr vor der Schule?

Sehr viel. Deshalb ziehen wir auch das Einschulungsalter vom übernächsten Schuljahr an um ein halbes Jahr vor. Das kostet 630 Lehrerstellen mehr. Außerdem werden künftig die Sprachkenntnisse aller Schulanfänger vor dem Schulstart getestet. Wer erhebliche Mängel zeigt und in keine Kita geht, wird für das halbe Jahr bis zur Einschulung zum Besuch eines

Sprachförderkurses in der Schule verpflichtet. Die anderen werden in der Kita gefördert. Mit dem früheren Schulanfang haben wir damit ein kostenloses halbes Jahr zusätzlich für alle, für einige sogar ein ganzes Jahr.

Damit bekommen Sie aber nicht mehr Kinder in die Kita.

Wir werben dafür. Ich habe oft betont, dass ich mir kostenlose Kita-Bildung wie in Frankreich wünschte. So weit sind wir in Deutschland leider noch nicht. Für die nächste Legislaturperiode könnte eine Perspektive sein, das letzte Kita-Jahr für diejenigen Kinder kostenlos zu machen, die wirklich ab drei Jahren in die Kita gehen. Ich weiß, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen, und dazu zählt Bildung. Die Kosten gerade bei niedrigen Einkommen sind da wirklich kein Argument: Wir reden hier von 15 Euro Kita-Gebühr pro Monat für fünf Stunden Betreuung täglich bei einem Kind und von acht Euro bei vier Kindern. Das ist gewiss jedem die Bildung seines Kindes wert.

Apropos Bildung: Das Personal in den Kitas ist heute schon knapp. Dennoch sollen die Kitas Bildungseinrichtungen werden, den Vorschulunterricht bestreiten und den Hauptteil der verpflichtenden Deutschförderung für Schulanfänger managen. Ist das nicht eine Überforderung?

Das ist eine Herausforderung, keine Überforderung. Wir haben dazu ein systematisches Fortbildungsprogramm für Erzieherinnen. Bereits jetzt geben wir zusätzlich 140 000 Euro jährlich für die Fortbildung in Sprachvermittlung aus. In diesem Jahr wird ein Sonderprogramm anlaufen, mit dem Kita-Leiterinnen speziell für die Arbeit mit dem neuen Bildungsprogramm ausgebildet werden. Der Sprachtest "Bärenstark" hat überdies gezeigt, dass die Sprachförderung in den Kitas schon heute nicht schlechter ist als in den Vorklassen.

Mit der Einführung der neuen Schulanfangsphase sollen die Förderklassen für ausländische Kinder mit sehr schlechten Deutschkenntnissen abgeschafft werden. Viele Schulen fürchten, dass die Startphase dadurch mit Problemen überfrachtet wird, zumal gleichzeitig Erst- und Zweitklässler gemeinsam unterrichtet werden. Sind diese Bedenken Ihrer Ansicht nach berechtigt?

Nein, denn alle Fördermittel bleiben erhalten. Die Schule kann künftig nur eigenständig entscheiden, wie sie sie einsetzt: ob sie zum Beispiel kleinere Klassen macht oder spezielle Fördergruppen einrichtet. Erst im Schuljahr 2006/7 wird es in allen Berliner Grundschulen die flexible Schulanfangsphase geben. Darauf werden die Lehrer auch vorbereitet: Ab Herbst 2004 werden aus jeder Schule Lehrkräfte gezielt fortgebildet.

Berliner Morgenpost, vom: 07.03.2004
URL: http://morgenpost.berlin1.de/archiv2004/040307/berlin/story664297.html