| Berliner Zeitung Mittwoch, 20. November 2002 | |
Die große Tochter macht ihre ersten Schritte am Gymnasium. Die Familie spürt sofort: Das Unterrichtsniveau zieht an. Täglich zwei bis drei Stunden Hausaufgaben - das ist nun fast Normalität, und was eben noch - an der Grundschule - wie Spielerei aussah, wird nun wirklich ernst: das Lernen. Aber eines ist seltsam: Das Programm ist dicht, die Lernfülle groß, wirkliches Verstehen findet jedoch selten im Unterricht statt. Wer die geistigen Sprünge, die der Lehrer vorne an der Tafel macht, nicht begreift, der bleibt hoffnungslos zurück. Für Fragen und Erklärungen, Widersprüche und Zweifel bleibt kaum Zeit. Der Stoff wird gnadenlos "abgearbeitet". Zu Hause bleibt es dann den Eltern überlassen, dem Wissen eine Struktur zu geben
Am Dienstagvormittag veröffentlichte die OECD im Rahmen des Berliner Pisa-Symposions zwei neue Studien, die noch einmal tief in Deutschlands Wunden bohren. Sie ergänzen die Pisa-Studie vom vergangenen Jahr. In der einen geht es noch einmal um die Leseleistungen der 15-jährigen Schüler ("Reading for Change"), die andere liefert bildungspolitische Analysen ("Education Policy Analysis 2002"). Dabei geht es vor allem um die Lehrer und die Bedingungen, unter denen sie lehren.
Nachwuchssorgen
In einem Punkt hat es Deutschland nahezu konkurrenzlos an die Spitze der OECD-Länder geschafft: Fast die Hälfte seiner Lehrer ist 50 Jahre alt und älter. Das betrifft vor allem die höheren Schuljahre - die Sekundarstufe I. Aber auch in der Grundschule sind es noch 44 Prozent. Deutschland hat also ein ernstes Nachwuchsproblem. Lehrer zu werden, das ist hier zu Lande keine attraktive Vorstellung. Dazu trägt auch die Schulwirklichkeit bei, die Lehrer verschleißt und sie daran hindert, sich ganz auf den Unterricht und die Förderung des Einzelnen zu konzentrieren.
Die Pisa-Studie hatte - für alle schockierend - festgestellt, dass deutsche 15-Jährige in ihrer Lesekompetenz ("Literacy") nur auf dem 21. bis 25. Platz unter 32 OECD-Ländern liegen - im hinteren Drittel also. Pisa stellte auch fest, dass die schulischen Leistungen eng mit der Herkunft - dem sozialen Status und dem Migrationshintergrund der Familie - zusammenhängen. Die neue Zusatzstudie zeigt nun erschreckend deutlich: Deutschland ist unter 32 Ländern das Land, dessen geringe Leseleistungen am meisten mit der Herkunft der Schüler zusammenhängen. Sogar Mexiko, das in den Leistungen noch unter Deutschland liegt, zeigt einen wesentlich geringeren Zusammenhang zwischen Herkunft und Lese-Erfolg. Ähnlich gering ist er in Griechenland, Italien und Spanien. Sogar in Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Frankreich mit hohem Anteil an Migrationsfamilien ist er immer noch geringer als in Deutschland. Die Bildungschancen hängen in unserem Land also in erster Linie von der Herkunft ab.
Dennoch ist der Zusammenhang nicht zwingend. Allgemein bemerkt die neue Studie: Schüler, die von der Herkunft benachteiligt sind, aber viel lesen, erreichen bessere Leistungen als Schüler, die einen günstigeren familiären Hintergrund, aber kein Interesse am Lesen haben. Die "Freude am Lesen" zu wecken, dürfte also "eines der wirksamsten Mittel zur Beeinflussung des sozialen Wandels" sein, schreiben die Autoren.
Das Wort Freude scheint nicht so recht zum deutschen Schulalltag zu passen. Dennoch ist es ein Schlüsselwort, das immer wieder auftaucht. Es geht um inneres Beteiligtsein, Aha-Erlebnisse, selbst errungene Erfolge. Die Studie bestätigt jedoch eine verbreitete deutsche Lustlosigkeit an geistiger Betätigung. Beim Interesse am Lesen liegen deutsche Schüler weit hinter Finnland, Dänemark, Island, Japan oder Korea. Das hängt gewiss auch mit der Art der Vermittlung von Literatur zusammen.
Eine neue Lern- und Lehrkultur wächst nicht automatisch mit der Einrichtung von Ganztagsschulen, für die die Bundesregierung in den nächsten Jahren vier Milliarden Euro zur Verfügung stellen will. Die Studie "Education Policy Analysis" beschäftigt sich mit jener gesellschaftlichen Gruppe, von der verlangt wird, Motivation und Lernfreude zu vermitteln: den Lehrern. Sie stellt fest, dass in vielen Ländern ein hoher Lehrermangel herrscht. "Die meisten Länder sehen sich einer alternden Lehrerschaft gegenüber, einem sinkenden Ansehen des Lehrerberufs und ernsthaften Problemen bei der Gewinnung neuer Lehrkräfte", heißt es in der Studie. Für Deutschland gilt das ganz besonders. Mindestens zwei Drittel der Schüler besuchen Schulen, deren Direktoren der Meinung sind, dass Lehrermangel und fachfremder Einsatz von Lehrern den Unterricht beeinträchtigen. Das betrifft vor allem naturwissenschaftliche Fächer, gefolgt von Deutsch und Mathematik.
Freie Köpfe
Wie kann man Lehrer nun motivieren? Welche Aufgaben stellen sich der Politik? Auch hier liefert die Studie Ansätze. Die Klassengröße, die Lehrbelastung, die Ausstattung mit Lehrmitteln und Technik sind dabei sehr wohl Größen, die beeinflusst werden müssen. Geht es nach der OECD-Studie, dann müsste sich an deutschen Schulen einiges ändern. Lehrer hätten dann feste Zeiten, sich regelmäßig zur Beratung und zur Entscheidungsfindung zu treffen. Auch in ihrem Beruf gäbe es Anreize wie Leistungszulagen oder flexible Urlaubszeiten. Sie könnten sich dann auf Lehrassistenten oder Kräfte stützen, die dafür sorgen, dass sie den Kopf frei haben, um die eine, wichtige Aufgabe richtig erfüllen zu können: das Unterrichten.
"Erfolgreiche Bildungssysteme lassen den Schulen Freiräume", sagt Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung Bildung der OECD. Deutschland ist neben Italien das einzige Land, in dem 90 Prozent der Schulen mit 15-jährigen Schülern nicht frei über die Zusammensetzung des Lehrkörpers entscheiden können. Ebenso wenig über Kurse, Fächer und den Etat. Lehrer, die frei mitgestalten und mitentscheiden können, haben am Ende vielleicht auch neue Ideen, die ihren Schülern zugute kommen.